Matera Reiseführer 2026: Die Stadt, die älter ist als die Geschichte
Matera ist eine Zumutung für das Vorstellungsvermögen. Die Stadt in der süditalienischen Region Basilikata ist seit mindestens 9.000 Jahren kontinuierlich bewohnt — damit eine der ältesten dauerhaft besiedelten Städte der Menschheit. Die Sassi (Steinstädte) — zwei natürliche Schluchten, an deren Hänge Tausende von Höhlenwohnungen aus dem Fels gehauen wurden — sind kein archäologisches Museum. Sie waren noch bis 1952 bewohnt, als die italienische Regierung die Einwohner zwangsweise in Neubauten umsiedelte (Premierminister De Gasperi nannte die Sassi “Schande Italiens”). Seit den 1990ern werden die Höhlen restauriert — heute als Boutique-Hotels, Restaurants und Wohnungen. Ein kompletter Zirkel von 9.000 Jahren menschlicher Kontinuität.
Matera war Europäische Kulturhauptstadt 2019 und hat seitdem internationale Bekanntheit erlangt. Mel Gibson drehte hier seinen “Passion of the Christ” (2004); James Bond’s “No Time to Die” (2021) mit seiner spektakulären Verfolgungsjagd durch die Sassi-Gassen machte die Stadt endgültig weltberühmt. Trotzdem ist Matera noch nicht überlaufen — eine der letzten echten Entdeckungen Süditaliens.
Expertentipp: Besuche die Sassi bei Nacht. Wenn die Tagestouristen verschwunden sind und die Gassen nur von historischen Laternen erleuchtet werden, entfaltet Matera seine wahre Magie. Restaurants servieren bis 23 Uhr; ein Spaziergang durch die menschenleeren Höhlengassen des Sasso Caveoso nach dem Abendessen ist unvergesslich. Wer kann: in einem Sassi-Hotel übernachten und morgens in der Stille aufwachen.
🏰 Die Sassi: Eine Stadt aus dem Fels
Die zwei Sassi-Viertel — Sasso Caveoso (südlich, größer) und Sasso Barisano (nördlich, dichter bewohnt) — sind durch die Matera-Schlucht (Gravina di Matera) von der modernen Stadt getrennt und bilden ein überwallendes Ensemble aus geschnittenen Felsgehäusen, Treppen, Kuppeln und Türmen, das sich den Hängen entlangzieht wie eine organisch gewachsene Stadt — weil es das ist.
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Wie die Sassi entstanden: Die ersten Bewohner nutzten natürliche Höhlen in den Schluchten als Unterkunft; im Lauf der Jahrtausende wurden die Höhlen erweitert, aufgestockt und miteinander verbunden. Ein typisches Sassi-Haus der jüngeren Zeit war ein einziger, tiefer Raum: Menschen schliefen auf einer Seite, Tiere auf der anderen (ihre Körperwärme heizte im Winter den Raum). Das Regenwasser wurde in ausgeklügelten Zisternen gesammelt, die ein komplexes unterirdisches Hydrauliksystem bildeten.
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Rundgang durch die Sassi: Piazza Vittorio Veneto auf dem Hochplateau der modernen Stadt bietet den ersten Blick über die Sassi — ein Panorama, das auf den ersten Blick wie eine Computersimulation wirkt: so surreal ist die Realität. Vom Platz aus führt eine Treppe in den Sasso Barisano hinab. Ein empfehlenswerter Rundgang: Piazza Vittorio Veneto → Sasso Barisano → Via Bruno Buozzi → Sasso Caveoso → Via del Corso → Kirche Santa Maria de Idris (in den Fels gehauen) → Piazza San Pietro Caveoso → zurück zur Altstadt. Dauer: 2–3 Stunden, je nach Tempo.
⛪ Felsenkirchen: Byzantinisches Erbe unter der Erde
In und um Matera gibt es über 150 Rupestralkirchen (Felsenkirchen) — christliche Gebetsstätten, die direkt in den Kalkstein geschnitten wurden. Viele bewahren noch farbige Fresken aus dem 8.–13. Jahrhundert, als byzantinische Mönche aus dem Osten in diese abgelegenen Schluchten zogen.
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Santa Maria de Idris: Santa Maria de Idris ist in einen Felsvorsprung eingebaut, der wie ein Zahn aus dem Sasso Caveoso ragt — von außen ein Kirchturm, der aus dem Fels wächst. Das Innere zeigt Fresken aus dem 14. Jahrhundert: archaische, ausdrucksstarke Gesichter in roter und ockergelber Farbe auf dem weißen Kalkstein.
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Cripta del Peccato Originale: Acht Kilometer außerhalb Materas liegt die Cripta del Peccato Originale (“Krypta der Erbsünde”) — eine Felsenkirche aus dem 8.–9. Jahrhundert mit den besterhaltenen und künstlerisch bedeutendsten rupestral-Fresken Italiens. Die Darstellungen des Paradieses und der Erbsünde sind von einer naiven Kraft, die keine spätere Kunstepoche übertrifft. Nur mit Führung zugänglich (Buchung beim Tourismusbüro Matera).
🌄 Die Gravina: Matera und die Schlucht
Die Gravina di Matera — die tiefe Kalksteinschlucht, die Matera von der gegenüberliegenden Hochfläche trennt — ist selbst ein Naturwunder und vollständig unterschätzt. Auf der Gegenüberseite der Schlucht liegt die Murgia Materana, ein Nationalpark mit Hunderten weiterer, verlassener Felsenkirchen und Felsenwohnungen, die nicht saniert wurden und daher den ursprünglicheren Charakter zeigen.
Der Sentiero della Gravina (Wanderpfad durch die Schlucht) führt vom Stadtrand hinab auf den Schluchtboden und durch Felsenkirchen auf die gegenüberliegende Hochfläche — ein Halbtagswanderer-Erlebnis von außergewöhnlicher Atmosphäre. Gutes Schuhwerk erforderlich, Wasser mitnehmen.
🍽️ Küche der Basilikata: Einfach und unvergesslich
Die süditalienische Küche der Basilikata ist eine der authentischsten Italiens — arm an Zutaten, reich an Geschmack, kaum bekannt außerhalb der Region.
- Pane di Matera: Das charakteristische Brot Materas aus Hartweizengries, in Form einer Hochkrone gebacken, mit einer dunklen, aromatischen Kruste und einem langen Haltbarkeit (war für die bäuerliche Arbeit nötig). Im ganzen Mezzogiorno berühmt; Geschützter Ursprungsbezeichnung (IGP).
- Lagane e Ceci: Breite, unregelmäßige Pasta mit Kichererbsen, Olivenöl und Rosmarin — das einfachste und befriedigendste Gericht der Basilikata.
- Pecorino di Moliterno: Ein gereifter Schafskäse aus den Bergen der Basilikata — würzig, trocken, charakterstark.
- Peperoni Cruschi: Getrocknete, in Olivenöl frittierte rote Paprikaschoten — knusprig, süßlich-würzig, überall als Snack und Beilage präsent.
- Primitivo und Aglianico del Vulture: Die Rotweine der Region — kräftig, tanninreich, mit einer vulkanischen Mineralität. Aglianico del Vulture gilt als einer der besten Süditaliens.
🎬 Matera im Film
Materas außergewöhnliches Stadtbild hat es zu einem beliebten Filmschauplatz gemacht:
- “The Passion of the Christ” (Mel Gibson, 2004): Matera spielte Jerusalem
- “No Time to Die” (James Bond, 2021): Eröffnungs-Verfolgungsjagd durch die Sassi
- “Ben-Hur” (1959): Teile des antiken Jerusalem
- “Il Vangelo secondo Matteo” (Pier Paolo Pasolini, 1964): Judäa
🧭 Praktischer Matera-Reiseführer
- Beste Reisezeit: April bis Juni und September bis Oktober — angenehme Temperaturen (18–25°C), Frühlings- oder Herbstlicht auf dem Fels. Sommer (Juli–August) ist sehr heiß (35°C+) und voller Tagesgäste; der Abend bleibt aber ruhig.
- Anreise: Matera hat keinen Bahnhof im eigentlichen Sinne; am einfachsten per Bus von Bari (1,5 Stunden, mehrere täglich) oder Mietwagen. Von Rom und Neapel Fernbus (4–5 Stunden).
- Fortbewegung: Die Sassi und die Altstadt sind ausschließlich zu Fuß erkundbar — viele Treppen, unebene Oberflächen. Rollkoffer sind hier Qual; Rucksack empfohlen.
- Übernachtung: Ein Sassi-Hotel (Höhlenzimmer) ist das einzige authentische Erlebnis — zu moderaten bis gehobenen Preisen. Sant’Angelo, Sextantio Le Grotte della Civita und Aquatio Cave Luxury Hotel sind bekannte Adressen. Im Voraus buchen.
- Kosten: Matera ist überraschend günstig für ein UNESCO-Ziel. Abendessen in guten Restaurants 25–45 Euro; Höhlenhotel ab 120 Euro pro Nacht.
- Sprache: Italienisch; Englisch in Tourismusbereich grundlegend vorhanden.